Warum sich eine faire Lehrlingsselektion lohnt

Ausländische Jugendliche: Jeder Fünfte ohne Abschluss

  • Neun von zehn Jugendlichen schliessen in der Schweiz eine Berufslehre oder eine Matura ab. Bei den ausländischen Jugendlichen ist diese Zahl wesentlich tiefer. Mehr als jeder Fünfte ausländische Jugendliche im Alter von 18-24 ist in keiner Ausbildung.1 Wer aus «gutem Haus» (gute Bildung, hohes Einkommen, angesehener Beruf) kommt, hat – unabhängig von der erbrachten schulischen Leistung- deutlich mehr Chancen nach der Schule eine Ausbildung überhaupt zu beginnen.2 Hier sind Jugendliche ausländischer Herkunft benachteiligt.
  • Bundesamt für Statistik: Bildungssystem-Indikatoren
  • Arbeitspapier Hupka, Sacchi, Stalder (2006): Herkunft oder Leistung? Analyse des Eintritts in eine zertifizierende nachobligatorische Ausbildung anhand der Daten des Jugendlängsschnitts TREE.

Weniger Chancen auf Lehrstelle

  • Bei gleichen schulischen Leistungen haben Schweizer Jugendliche eine viermal bessere Chance auf eine Lehrstelle als ihre ausländischen Kolleginnen und Kollegen.1 Es ist wissenschaftlich widerlegt, dass die Probleme der ausländischen Jugendlichen bei der Lehrstellensuche mit «schulischen Defiziten» erklärt werden können!2 Vorurteile gegenüber gewissen Ausländergruppen (v.a. Jugendliche aus dem Balkan und Ex-Jugoslawien) spielen eine grosse Rolle.

Schulnoten und Schultyp wenig aussagekräftig

  • Schulnoten und Schultypen (Grundanforderungen versus erweiterte Anforderungen wie Realschule-Sekundarschule-Untergymnasium bzw. Sek. A, B oder C) widerspiegeln die effektiven Schulleistungen nur sehr ungenau.1 Ein genaueres Hinschauen lohnt sich deshalb bei Bewerbungen. Der Schultyp wird dem Leistungspotenzial von Jugendlichen oft nur ungenügend gerecht.
  • Kronig, W. (2007). Die systematische Zufälligkeit des Bildungserfolgs. Theoretische Erklärungen und empirische Untersuchungen zur Lernentwicklung und Leistungsbewertung in unterschiedlichen Schulklassen. Bern: Haupt. Siehe auch: Arbeitspapier Hupka, Sacchi, Stalder (2006): Herkunft oder Leistung? Analyse des Eintritts in eine zertifizierende nachobligatorische Ausbildung anhand der Daten des Jugendlängsschnitts TREE.

Warteschlaufen

  • Jugendliche mit ausländischem Pass besuchen zu über einem Drittel Übergangslösungen nach der Schule, vor allem weil sie keine Lehrstelle finden. Dagegen besuchen nur gut 15 Prozent der Jugendlichen mit Schweizer Pass eine Übergangslösung.1 Junge Frauen ausländischer Herkunft haben es besonders schwer, den Direkteinstieg ins Berufsleben zu finden.2
  • Bundesamt für Statistik: Bildungssystemindikatoren
  • Hupka, Sandra/Stalder, Barbara (2004): Die Situation von jungen Migrantinnen und Migranten beim Übergang Sek I/Sek II. In: Achtung Gender. Ausbildungsverhalten von Mädchen und jungen Frauen: Trends und Tipps Zürich/Buchs: Schweiz. Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten; Lehrstellenprojekt 16+

Ängste der Lehrbetriebe

  • Ausländische Jugendliche stehen fälschlicherweise unter Verdacht, im Betrieb spezielle Probleme zu verursachen und haben deshalb bei gleichen Schulleistungen mehr Schwierigkeiten eine Lehrstelle zu finden.1
  • Imdorf, Christian (2007): Lehrlingsselektion in KMU. Kurzbericht März 2007.

Lehrabbrüche

  • In einzelnen Kantonen wird über ein Viertel der Lehrverhältnisse aufgelöst.1 Ein Grund dafür ist eine unsorgfältige Selektion, egal ob Jugendliche schweizerischer oder ausländischer Herkunft betroffen sind. Konflikte im Betrieb spielen bei Jugendlichen ausländischer Herkunft keine grössere Rolle als bei Schweizer Lernenden. Berufsbildnerinnen und Berufsbildner beurteilen ihre Lernenden als ähnlich fleissig, initiativ, selbständig, pflichtbewusst, ordentlich und teamfähig – egal ob Schweizer oder Ausländerin.2
  • Stalder, Barbara/Schmid, Evi (2006): Lehrvertragsauflösungen, ihre Ursachen und Konsequenzen. Ergebnisse aus dem Projekt LEVA. Zusammenfassung:
  • Moser, Corinne/Stalder, Barbara/Schmid, Evi (2008): Lehrvertragsauflösung: Die Situation von ausländischen und Schweizer Lernenden. Ergebnisse aus dem Projekt LEVA.

Weniger Lehreinsteiger/innen

  • Die Anzahl Lehreinsteiger/innen sinkt in den nächsten zehn Jahren je nach Region um bis zu 20 Prozent.1 In gewissen Regionen wird sich der Wettbewerb um die geeigneten Jugendlichen spürbar verschärfen.

Anteil Jugendlicher ausländischer Herkunft steigt

  • Jugendliche ausländischer Herkunft werden in den nächsten Jahren mit einem Viertel bis zu einem Drittel der Schulabgänger/innen zahlenmässig eine immer wichtigere Gruppe darstellen.1 Ein Potenzial, dass die Wirtschaft nutzen sollte.


«Nach der BMS möchte ich an die FH oder an die Dolmetscherschule.»
Fatima Itani, KV, 2. Lehrjahr

«Ich habe über we-are-ready.ch eine Stelle als Logistikerin gefunden.»
Melanie Winkler, Logistikerin, 1. Lehrjahr

«Bei uns im Betrieb hat es viele Ausländer. Das ist eine dauernde Horizonterweiterung.»
Rezarta Brahimi, KV, 3. Lehrjahr

«Wenn ich meine Lehre abgeschlossen habe, werde ich mich weiterbilden. Mein Ziel ist es, eine Führungsposition in einem Dienstleistungsunternehmen übernehmen zu können.»
Jaël Feiner, KV, 3. Lehrjahr

«Auch die ausländischen Jugendlichen sollen Erfolgserlebnisse haben können, sie sind ein Teil unserer Gesellschaft.»
Werner Sitzer, Möbelschreiner, Berufsbildner